07 Sep

Kleine Tiere – große Wirkung

Wurzelrebläuse auf einer Rebwurzel. Foto: Joachim Schmid (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wurzellaeuse.jpg#/media/File:Wurzellaeuse.jpg)

Die Weinlese ist in vollem Gange. In Rekordzeit sind die von den vielen Sonnenstunden des Supersommers 2018 gereiften Trauben bereit, Teil eines großen Weinjahrgangs zu werden. Bereit, die Gaumen der Weinschmecker zu verwöhnen. Bereit für weinselige Abende voller philosophischer Gedanken!

Im weinseligen Gespräch wird schon mal aus einer Mücke ein Elefant gemacht. Dabei gibt es durchaus Vergleiche, die nicht hinken. Dass eine einzige kleine Mücke genügt, damit wir die ganze Nacht keinen Schlaf bekommen, ist schon bemerkenswert. Das zeigt, dass man nicht groß sein muss, um etwas zu bewirken.

Allerdings erscheint im Vergleich zu einer Reblaus eine Mücke fast wie ein Elefant. Dieses winzige Insekt hatte vor etwa 150 Jahren erfolgreich damit begonnen, den gesamten europäischen Weinbau zu ruinieren, indem sie der verlockenden Sache auf den Grund gegangen ist oder, anders ausgedrückt, den Nahrungsspender an der Wurzel gepackt hat. Sie hat ganz einfach den Reben den Saft weggetrunken und das nicht wie andere Läuse aus den Stängeln und Blättern, sondern aus Sicht der Winzer gemeinerweise unten im Wurzelstock. Eingewandert war sie damals aus Nordamerika. Für sie war Europa quasi das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Nahezu unbemerkt konnte sie sich massenhaft vermehren und epidemisch verbreiten. Nur wenige Rebflächen verschonte sie.

Erst amerikanische Rebsorten, die als resistent gegen den Reblausbefall gezüchtet worden waren, führten dazu, dass der Weinbau diesseits des Ozeans wieder aufblühen konnte. Die transatlantische Zusammenarbeit löste bereits damals eine schwere Krise und wirkt bis in unsere Tage. Daran sollten sich manche Politiker und Ökonomen erinnern, die heute an den Schalthebeln der Macht sitzen. Ein gemeinsames Glas Wein könnte dabei auf die gedanklichen Sprünge helfen.

Weit erfolgreicher in ihrer verheerenden Wirkung als winzige Rebläuse sind natürlich mikroskpisch kleine Tierarten. Fiese ständig mutierende Viren haben es sich offenbar zum Ziel gesetzt, ganze Mehrzeller-Populationen zu vernichten. Kaum ein Lebewesen, das sich nicht in der permanenten Auseinandersetzung mit den hinterhältigen Eindringlingen befindet, die weder Gehirn noch Gewissen im Gepäck haben. So sind wir Teil der Evolution des Lebens und sowohl tätiger Teil als auch hilfloses Opfer derselben.

Natürlich können Winzlinge nicht nur zerstörerisch wirken. Denken wir nur an die beeindruckenden Bauwerke der Termiten oder die prächtigen Korallenriffe, unermüdlich geschaffen und weiterentwickelt von Generation zu Generation.

Es mag sein, dass das nur banale Geschichten sind, die uns in schweren Stunden und im Gefühl der Resignation vor dem Unausweichlichen keinen Trost spenden. Trotzdem steckt darin die ein oder andere Lehre und viel Hoffnung. Die Hoffnung etwa, dass wir kleinen Menschen in unserer begrenzten Zeit etwas Bleibendes bewirken können – vor allem, wenn wir zusammenarbeiten.

Nach dieser kleinen Gedankenreise kehren wir noch einmal zum Anfang zurück, zur Mücke, die unseren Schlaf raubt. Gegen sie können wir uns wenigstens wappnen, denn ein ungestörter Schlaf ist wichtig. Er lässt uns die Welt mit wacheren Augen betrachten, auch die kleinen Tiere jenseits der Muggergitter…

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