22 Jul

Insekt des Jahres 2018: Die Gemeine Skorpionsfliege

Die Jury vergibt den Titel „Insekt des Jahres“ mit Bedacht, denn die Prämierung ist automatisch mit Begründungen verbunden. Häufigstes Argument ist eine starke Gefährdung der Art. Dieser Punkt greift im Fall der Skorpionsfliege allerdings nicht. Die subjektive Wahrnehmung könnte jedoch zu einem derartigen Schluss führen, denn tatsächlich hält sich das Insekt oftmals in der „Versenkung“ auf. Die Wahl der Jury soll das interessante Lebewesen genau deshalb mehr ins Bewusstsein der Menschen befördern.

Der Tiername deutet auf ein exotisches Kleintier hin. Die Realität schaut anders aus, denn ganz Mitteleuropa inklusive des südlichen Skandinavien sowie Süd-Finnland und West-Russland zählen zum weiträumigen Verbreitungsgebiet. Ebenso gehören die nördliche Balkanhalbinsel und die Britischen Inseln zum beliebten Lebensraum. Was zählt in diesen Sphären zur Wohlfühloase der Skorpionsfliege? Vor allem Waldgebiete und deren Randbezirke haben es dem Insekt angetan. So fühlt sich das vierflügelige Lebewesen insbesondere in Gebüschen, an Wald- und Wegrändern, aber auch auf Wiesen und Brennnesselbeständen pudelwohl.

Der Lebensraum hat somit schon mal nichts mit dem Tiernamen am Hut. Ist es möglicherweise ein Stachel, der dem Skorpion alle Ehre macht? Mitnichten. Von Gefährlichkeit weit und breit keine Spur. Trotzdem kommt die Namensgebung nicht von ungefähr. Bei den Männchen befindet sich oberhalb des Hinterleibs ein großes, auffälliges Kopulationsorgan. Dieses ähnelt dem Stachel des Skorpions und schon ist der Name geboren. Im Übrigen lohnt eine genauere Analyse des Geschlechtsaktes, bei dem dieses Organ die Hauptrolle spielt. Beim Balztanz setzt das Männchen den kompletten Hinterleib in Schwingung, doch es zieht alle Register. Die Weibchen sollen auch vom Flügelschlag positiv angezogen werden. Als Sahnehäubchen setzt das Männchen einen Lockstoff ein, um seine potenzielle Geschlechtspartnerin in Gänze zu beeindrucken. Aus den Speicheldrüsen läuft ein proteinreiches Sekret, an dem sich die Weibchen laben. Der Kopulation steht dann nichts mehr im Wege. Der potenzielle Nachwuchs überwintert als Puppe auf dem Boden. Ende April oder Anfang Mai schlüpfen die Nachkommen. Meinen es die Umstände besonders gut, dann kann bis zum Sommer eine zweite Generation heranwachsen.

Das Geheimrezept der Skorpionsfliege lautet „Anpassungsfähigkeit“. In der Regel gilt die These: „Je anpassungsfähiger, desto weniger Bedrohung vor dem Aussterben.“ Diese Qualität schlägt sich unter anderem bei der Nahrungsaufnahme nieder. Hier greift das längliche Insekt auf einen umfangreichen Speiseplan zurück. Reifes Obst, tote oder fast verstorbene Insekten und Wirbeltiere sowie Kot, Blütennektar oder Pollen – all das sind potenzielle Mahlzeiten. Dabei entscheidet der Waldbewohner oftmals nach dem Prinzip der einfachsten Nahrungsaufnahme. Bestes Beispiel sind die Vorräte in Spinnennetzen. Ohne den achtbeinigen Inhaber vorab zu fragen, bedient sich der Kletterprofi der Haushaltsvorkommen und Restbestände.

Foto oben: Von Wolf Beck, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7817501

 

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