20 Aug

Insektenschutzgitter: Doppelter Schutz für Mensch und Vogel – Teil 1

Vogelforscher Prof. Dr. Berthold. Foto: privat

Prof. Dr. Peter Berthold, Jahrgang 1939, ist emeritierter Professor. Bis 2005 lag der Schwerpunkt seiner Tätigkeit auf Vogelzug, Populationsdynamik und Grundlagenforschung des Naturschutzes. Im 1. Teil des Interviews schildert der 76-Jährige die Ursachen für das Vogelsterben seit vielen Jahrzehnten und erklärt, warum Fliegengitter an Türen und Fenstern für Stare und Amseln so wichtig sind.

Das Vogelsterben in Deutschland ist eines Ihrer Schwerpunktthemen: Wie ist derzeit die Situation?

Prof. Dr. Berthold: Heute ist die Situation wesentlich schlimmer als noch vor mehreren Jahrzehnten. Seit 1800 haben wir 80 Prozent aller Vogelindividuen verloren. Einen ersten Beleg gibt es bereits von 1849, wo das Vogelsterben durch intensive Landwirtschaft und Industrie begann.

Das ist auch bei Insekten der Fall. Früher war Tanken eine Sache, aber man musste im Sommer die Windschutzscheibe vor dem Fahren reinigen, sonst konnte man nicht fahren, weil Unmengen von Insekten an die Scheibe geklatscht sind. Zu Hause musste man schnell die Tür zumachen, da kamen Myriaden von Nachtfaltern, Motten und weiß der Geier was alles in die Wohnung rein. Das ist alles Schnee von gestern!
Umgekommen sind die Tiere durch zwei Dinge: Einmal durch die Lichtverunreinigung, weil überall ein Licht brennt, wodurch Insekten zu Tode kommen. Zum Anderen durch neue Biozide und Insektizide. Da sind vor allem zu nennen die Neonicotinoide, die Bienen, Hummeln und andere umbringen. Auch im Deutschland wird schon ernsthaft diskutiert, ob man in zehn Jahren, wie jetzt schon in Kalifornien oder China, den Pinsel in die Hand nimmt und die Bestäubung bei bestimmten Kulturen von Hand durchführt, weil die Insekten nicht mehr da sind.

Außerdem ist bei uns sozusagen der Holocaust ausgebrochen, was frei lebende Tiere und Pflanzen anbelangt. Wir haben noch ordentliche Reste. Wenn es gelingt, die zu erhalten, dann wird das eine tolle Sache. Aber da müsste in nächster Zeit ganz gewaltig was passieren.

In England hat man ein besonderes Herz für Vögel. Warum?

Prof. Dr. Berthold: Deutschland war früher die Vogelliebhaber-Nation Nummer 1, aber wir hatten leider zwei schreckliche Kriege. In der Zeit nach den Kriegen hatten wir natürlich ganz andere Sorgen. Und das war in England nicht der Fall.

Während des Krieges haben sogar deutsche Ornithologen vorgeschlagen, man möchte Vögel, auch Singvögel fangen, in Dosen einmachen und dann den Soldaten an die Front schicken, damit die was zu Essen haben. Nach dem zweiten Weltkrieg kam ein weiterer Umbruch, da haben die Biozide eingesetzt und die Agrarwirtschaft wurde umgestellt.

Am Vogelsterben ist der Mensch also maßgeblich beteiligt. Inwieweit tragen Fliegengitter dazu bei, dass Vögel nicht an Glasfenster und Türen fliegen und sich womöglich schwer verletzten? Halten die Fliegengitter die Vögel tatsächlich ab?

Prof. Dr. Berthold: Fliegenschutzgitter eignen sich für den Schutz der Vögel ganz hervorragend. Ich habe natürlich selber vieles ausprobiert. Die Vögel versuchen immer wieder in die Scheibe zu fliegen, weil sie dahinter einen dunklen Schutzraum vermuten. Die Vögel klatschen aber gegen die Scheibe und sind oft tot. Das ist natürlich sehr ärgerlich.

Man hat dazu Experimente gemacht, im Auftrag von Glasfirmen mit UV-Merkmalen im Glas. Dazu muss man wissen: Vögel können UV-Licht wahrnehmen, wir Menschen nicht. Die Idee lautete: Man stellt eben Scheiben mit UV-Gitter-Strukturen her, die Vögel dann abhalten können. Das hat aber nicht so gut funktioniert, wie man sich das gedacht hat. Außerdem ist die Produktion sündhaft teuer. Die Versuche sind weitgehend aufgegeben worden, vor allem aus Kostengründen.

Im zweiten Teil des Interviews gibt Prof. Dr. Berthold Tipps, warum die Ganzjahresfütterung so wichtig ist und verrät mehrere Verhaltensweisen der Vögel.