15 Nov

Kriminalistische Spurensuche mit Insekten

Calliphora vicina, von Aiwok - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12782130

Für die große Mehrheit der Menschen erzeugen Schmeißfliegen & Co. Ekel und Abscheu. Deshalb stehen die glänzenden Brummer ganz weit hinten auf der Beliebtheitsskala. Dabei gibt es zumindest ein Feld, auf dem diese hartnäckigen Plagegeister hilfreich sein können: bei der Aufklärung von Verbrechen.

Fernsehprogramme und Buchläden sind voll davon: Krimis als Filme und Romane haben Konjunktur. Woher die Faszination für Verbrechen und vor allem Mordfälle herrührt, ist dem anderen Teil der Bevölkerung vermutlich ein Rätsel. Die Lust am Grauen liegt häufig tief in der Psyche verborgen oder erklärt sich aus der Wirkung des hierbei im Körper gebildeten Hormons Adrenalin.

Was in der Fiktion der Autoren meist spannend und actionreich erzählt wird, stellt sich in der Realität fast immer ganz anders dar. Mordaufklärung ist wesentlich komplizierter als das ständig wiederholte, altbekannte Schema aus den Krimiserien. Der wirklich spannende Part spielt sich vielmehr in den Laboren der Forensiker ab.

Dort, wo es besonders knifflig wird – wenn nämlich Leichen erst nach Tagen, Wochen oder Monaten nach der Tat aufgefunden werden – kommen die Fachleute oftmals durch ihre genauen Kenntnisse der Insektenwelt auf die richtige Spur. Schließlich ist – noch – eines sicher: Sobald menschliches Gewebe stirbt, werden Insekten angelockt, und zwar je nach Umgebung in einer bestimmten Abfolge, aus der die auf dieses Fach spezialisierten Kriminologen, die Entomologen, wiederum den ungefähren Todeszeitpunkt sowie zahlreiche weitere Indizien ablesen können.

Wie anfangs angedeutet sind Schmeißfliegen so ziemlich die Ersten am Tatort. Mit der Eiablage setzen sie einen ganzen Prozess der Besiedlung des toten Körpers in Gang. Zu den blau oder golden schimmernden Arten gesellen sich weitere Fliegenarten mit den gleichen Absichten hinzu, etwas später einige Käferarten, Asseln, Milben, Spinnen und schließlich Ameisen. Nicht alle sind auf Aas aus, sondern bedienen sich an den eiweißreichen Maden.

Aus dem aktuellen Besiedlungsstatus lesen die Spezialisten erstaunliche Details ab und können so Fälle lösen, an denen die prominentesten Fernsehkommissare kläglich scheitern würden.

Im Gegensatz zu den Leicheninsekten sind Entomologen rar gesät und in Fankreisen mittlerweile richtige Stars. Das Interesse an den echten Kriminalfällen befeuert etwa Marcus Schwarz, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Rechtsmedizin an der Universität Leipzig. Er hat im vergangenen Jahr ein Buch geschrieben, in dem er spannende Fälle aus seiner Praxis erzählt („Wenn Insekten über Leichen gehen – Als Entomologe auf der Spur des Verbrechens“). Der wohl Bekannteste der Zunft ist Dr. Mark Benecke, genannt “Herr der Maden”. Als Bestsellerautor, Moderator, Politiker (Die PARTEI) und Schauspieler ist der Rosenheimer Kriminalbiologe häufig im Fernsehen zu sehen und tourt seit Jahren erfolgreich mit seinen spannenden Vorträgen – und nebenbei auch als Musiker – durch die Lande.

Dabei lernen die Zuhörer – ob Krimifans oder nicht – sehr viel über die Insektenwelt und auch über deren Gefährdung. Schließlich weiß er aus erster Hand, dass seine sechsbeinigen Kollegen und wir alle in einem Boot sitzen.

Natürlich würden wir die Herren gerne fragen, was sie von Insektenschutzgittern halten. Vermutlich dort nichts, wo sich länger liegende Leichen finden, so ganz ohne Madenbefall. Das würde ihre Arbeit ziemlich erschweren. Vielleicht aber schon mehr vor den eigenen Fenstern – gegen Schmeißfliegen & Co….

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